Was ist Bibliolog?
Weil jede und jeder was zu sagen hat
Bibliolog ist eine dialogische Methode des Bibellesens, bei der biblische Texte gemeinsam und lebendig erschlossen werden. Im Zentrum steht die Einladung an die Teilnehmenden, sich gedanklich in eine biblische Geschichte hineinzuversetzen und einzelnen Figuren aus dem Text „eine Stimme zu leihen“.
Die Leitung liest einen biblischen Abschnitt und unterbricht ihn an bestimmten Stellen mit offenen Fragen an eine Rolle wie etwa: „Was geht in dir gerade vor?“ oder (an einem Beispiel) „Martha, welches ist dein allererster Gedanke bei dieser Antwort von Jesus?“ Die Teilnehmenden antworten aus der Perspektive der jeweiligen biblischen Figur – in der Ich-Form. Alle Teilnehmenden haben die Möglichkeit, in der Rolle auf die Frage zu reagieren. Dabei gelten die beiden Regeln «Jeder darf, keiner muss» und «alles, was ihr sagt, ist für uns (Hörende) wichtig und wertvoll».
Der biblische Text wird dabei als aus «schwarzem» und «weissem» Feuer bestehend betrachtet. Während das schwarze Feuer der geschriebene/gedruckte Text ist und im Bibliolog als unveränderbar («heilig») angesehen wird, handelt es sich beim weissen Feuer um Leerstellen bzw. Zwischenräume des Textes. Die Fragen an die Rolle beziehen sich auf die Leerstellen, sodass durch das Sprechen aus der Rolle heraus der Text aktualisiert bzw. weisses Feuer zum Lodern gebracht wird. Mit anderen Worten: Wir «lesen» den Text neu, indem wir die Leerstellen erkunden.
«Ausgelegt» wird der Text dabei durch die Vielfalt menschlicher Erfahrungen, Emotionen und Deutungen, die per se nicht mit Kategorien «richtig» / «falsch» gefasst werden können, sondern, weil Erfahrung, als wahr angesehen werden. Bibliolog macht dadurch sichtbar, dass biblische Texte nicht nur historische Dokumente sind, sondern Resonanzräume, in denen sich auch heutige Lebensfragen widerspiegeln können.
Bibliolog arbeitet mit dem Konzept der „Mehrstimmigkeit des Textes“ und die «Leerstellen», unausgesprochenen Motive oder offenen Entwicklungen des Textes werden dabei bewusst wahrgenommen. So entsteht eine Auslegung, die weder subjektiv beliebig noch autoritativ festgelegt ist, sondern sich im gemeinsamen Hören entfaltet.
Bibliolog ist kein Rollenspiel und kein freies Improvisieren, sondern eine sorgfältig strukturierte Methode, die gemeinsames Hören, Sprechen und Deuten ermöglicht in einer wertschätzenden Haltung gegenüber Text und Teilnehmenden. Dies erklärt auch, weshalb die Methode nur nach vorhergehender Ausbildung angewendet werden soll (s. u.). Ziel ist dabei ein vertieftes Verstehen des biblischen Textes – sowohl auf persönlicher als auch auf gemeinschaftlicher Ebene.
Hermeneutischer Gewinn
Im Unterschied zu vielen anderen Formen der Bibelauslegung setzt Bibliolog nicht primär auf Erklärung, sondern auf Beteiligung.
Während eine Predigt oder ein Vortrag meist eine fertige Auslegung vermittelt, eröffnet Bibliolog einen Raum, in dem verschiedene Perspektiven nebeneinanderstehen dürfen. Im Unterschied zum klassischen Bibelgespräch wird dabei nicht über den Text gesprochen, sondern aus dem Text heraus. Oder im Dialog mit dem Text.
Anders als in historisch-kritischen Zugängen liegt der Fokus weniger auf der Entstehungsgeschichte des Textes, sondern auf seiner gegenwärtigen Bedeutungskraft.
Der besondere hermeneutische Gewinn des Bibliologs liegt darin, dass er die Spannung zwischen Text und Leben produktiv macht. Die Teilnehmenden bringen ihre eigenen Erfahrungen, Hoffnungen und Fragen ein – ohne den biblischen Text zu vereinnahmen oder beliebig zu machen.
Im Hintergrund dabei steht die literaturtheoretische Einsicht Umberto Ecos, dass ein Text seine Bedeutung wesentlich durch das Lesen erhält und die Leserin/der Leser selbst für diese Bedeutungskonstruktion unabdingbar ist. Die Leerstellen sind nach Eco Einladungen zur Interpretation, was durch den Bibliolog fruchtbar gemacht wird. Dennoch bedeutet Vielfalt von Deutungen nicht Beliebigkeit, da der Text einen Rahmen, also Grenzen der Interpretation zur Verfügung stellt.
Geschichte
Begründet wurde die Methode Bibliolog von Peter Pitzele, einem jüdischen Psychotherapeuten und Bibliodramatiker aus den USA.
Er entwickelte Bibliolog in den 1980er-Jahren auf der Grundlage des jüdischen Midrasch-Denkens, das davon ausgeht, dass die Heilige Schrift mehr ist, als das, was explizit gesagt wird.
Im deutschsprachigen Raum wurde Bibliolog vor allem durch die praktische Theologin Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong* und andere Theologinnen und Theologen eingeführt und weiterentwickelt. Die Methode fand hier grossen Anklang, weil sie:
· gut mit der dialogischen und partizipativen Lernkultur vereinbar ist,
· sowohl in Gottesdiensten als auch in Bildungs- und Gemeindekontexten einsetzbar ist,
· Menschen unterschiedlicher theologischer Vorprägung anspricht.
Heute ist Bibliolog im deutschsprachigen Raum gut vernetzt, didaktisch ausgearbeitet und durch ein qualifiziertes Ausbildungssystem abgesichert.
Überkonfessionell/Ökumene
Die konfessionelle Offenheit von Bibliolog hat verschiedene Gründe:
Ausschliessliche Arbeit mit dem biblischen Text ohne Voraussetzung konfessioneller Lehrsätze.
Bibliolog respektiert unterschiedliche Glaubenshaltungen und spirituelle Zugänge.
Anwendung in katholischen, evangelischen, freikirchlichen und ökumenischen Kontexten ebenso wie im schulischen oder interreligiösen Bildungsbereich.
Die Methode lädt zur Begegnung mit der Bibel ein, nicht zur Durchsetzung einer bestimmten Lehre. Gerade deshalb eignet sie sich besonders für vielfältige Gruppen und fördert Dialog, Verständnis und gemeinsames Lernen.
Bibliolog im Religionsunterricht
Biblische Geschichten lebendig unterrichten (Fachbeitrag reli.ch)
„Wenn die Welt in einem Jahr unterginge, würde ich meinen Kindern Geschichten erzählen. Wenn ich einen Glauben habe, dann den, dass Geschichten die Welt verändern können.“, so die französische Rabbinerin Delphine Horvilleur im Interview mit der ZEIT (Nr.7 vom 11.2.21). Dass Erzählen biblischer Geschichten und Religionsunterricht grundsätzlich zusammengehören, ist nichts Neues. Wer und wie Gott ist, lässt sich schwer abstrakt erklären, das konkretisiert sich in den Erzählungen der christlichen Tradition immer wieder aufs Neue. Die Bibel ist das Alleinstellungsmerkmal unseres Unterrichts. Dabei ist dieses Buch niemals abgeschlossen, es muss immer neu entstehen und in die Gegenwart übersetzt werden. Die Perspektive Gottes auf die Welt lernen wir in der Auseinandersetzung mit den biblischen Geschichten kennen. Bibeltexte leiten dazu an, die Wirklichkeit neu wahrzunehmen. Sie enthalten Erfahrungen von Menschen mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit Gott, an denen Lesende und Hörende teilhaben können.
Bibliolog ist eine seit über zwei Jahrzehnten praktizierte Methode, biblische Geschichten in Schule oder Kirchgemeinde nicht nur zu lesen und zu hören, sondern sie sprachlich zu inszenieren. Sie ermöglicht eine aktuelle und lebensrelevante Begegnung mit der christlichen Tradition und meistert so eine der größten Herausforderungen des gegenwärtigen Religionsunterrichts, nämlich eine Brücke zwischen der biblischen Tradition und den Schüler:innen zu schlagen.
Vorgehensweise
Nach einer Erklärung der Methode und einer erzählerischen Hinführung in Zeit und Raum der Geschichte wird diese gelesen. Dabei wird immer wieder gestoppt und eine fragengeleitete Identifikation mit einer Rolle angeboten: „Ihr alle seid Petrus. Jesus hat dich gerufen: Komm! Er hat dich aufgefordert, zu ihm aufs Wasser zu steigen. Was geht in dir vor, wenn Jesus dich so ruft?“ Die Schüler:innen schlüpfen in Petrus hinein. Mit ihm stehen sie am Bootsrand, an der Schwelle zum ersten Schritt, um auszuprobieren, ob und wie das Wasser trägt. Sie antworten als Petrus. Und gleichzeitig füllen sie die Leerstellen des Textes, das, was nicht erzählt wird, nämlich wie es Petrus in diesem Moment ergeht mit sich selbst. Dabei greifen sie zurück auf eigene Erfahrungen aus ähnlichen Schwellensituationen. Oder sie probieren spielerisch Haltungen aus: Wie kann es jemandem gehen, der einer unmöglichen Aufforderung Folge leistet und den Schritt aufs Wasser wagt?
Viele ‚Petrusse‘ kommen zu Wort. Alle Äusserungen bleiben nebeneinander stehen. Jeder Beitrag wird aufgenommen, wird so gewürdigt und ist für alle noch einmal zu hören. Auch für den Sprechenden selbst. Das Nachklingen verlangsamt das Geschehen. Durch diese Vorgehensweise wird die Multiperspektivität der biblischen Figuren in der Geschichte für alle erlebbar. Sinn entsteht dadurch, dass die Teilnehmenden die Freiräume eines Textes mit ihren Erfahrungen füllen und sich so seinem Gehalt annähern. Und weil Erfahrungen unterschiedlich sind, gibt es eben verschiedene Deutungen desselben Textes, die nebeneinander stehen können.
Ziele
Zuallererst geht es um eine lebendige und persönliche Auseinandersetzung mit den biblischen Geschichten. Spielfreude entsteht, wenn ich als Zachäus auf dem Baum sitze, als Kissen unter dem Kopf von Jesus mich äussere, während rundherum der Sturm tobt, als Mose dem brennenden Dornbusch gegenüberstehe oder mich mit dem knurrenden Volk auseinandersetzen muss. Das Gute dabei ist: Niemand muss auf die Bühne, sondern ich bleibe sicher auf dem eigenen Stuhl sitzen und das Geschehen spielt sich auf der inneren Bühne ab. Das kann auch passieren, ohne dass ich mich aktiv äussere.
Das Erleben eines Bibliologs zielt darauf, dass Schüler:innen biblische Geschichten kennenlernen. Sie nutzen die unbesetzten Räume und erarbeiten sich so veränderte Sichtweisen auf sich selbst, auf andere Menschen und möglicherweise auch auf Gott. Und sie können Bezüge herstellen zwischen den biblischen Geschichten und ihrem eigenen Leben, das so offener für Grosses werden kann. In all dem sind sie eigenständige und eigensinnige Akteure ihrer Bildungsprozesse.
Dadurch, dass er zentrale religiöse Texte erleben und von innen heraus erkunden lässt, eröffnet der Bibliolog einen Weg in die christliche Religion. Jede Bibelgeschichte erzählt von der Begegnung des Menschen mit Gott, mit dem Unverfügbaren, mit dem Anderen. Dabei lernen Schüler:innen etwas davon, was Religion ausmacht, wie nämlich Menschen ihr Verhältnis zu Gott suchen, finden und gestalten.
Erfahrungen und Voraussetzungen
Im Bibliolog wird den Schüler:innen Auslegungskompetenz zugetraut. Die Theologin Uta Pohl-Patalong, die die aus den USA stammende Methode von Deutschland aus bekannt gemacht hat, versteht diese grundsätzlich als einen leistungsfreien Raum, der paradoxerweise Leistungen von Schüler:innen für das Fach Religion steigern kann.
Der Einsatz der Bibliologmethode im Unterricht setzt die Teilnahme an einem Grundkurs voraus, eine qualifizierte Fortbildung ist unabdingbar. Pohl-Patalong begründet das damit, dass Bibliolog keine Methode wie beispielsweise das Gruppenpuzzle oder die Fishbowldiskussion sei, die man einfach nur kennen, verstehen und gut anleiten muss, sondern dass hinter dem religionspädagogischen Ansatz eine bestimmte Hermeneutik und Haltung stehen, die man gemeinsam mit den Bibliologtechniken erlernen und ausprobieren muss.
Dr. Barbara Hanusa, Pfarrerin und Pädagogin, Bibliologtrainerin.
Kontakt: Fachstelle für Religionsunterricht in der Schule, Evangelisch – reformierte Landeskirche Graubünden, [email protected]
Weiterführende Links
Literaturliste bzw. Buchempfehlungen
- Bibliolog: Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule, I. Grundformen
- Bibliolog: Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule, II. Aufbauformen (zusammen mit Maria-Elisabeth Aigner)
- Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule, III. Handlungsfeld Religionsunterricht
- Bibliolog. A Creative Access to the Bibel (2015)
- Le bibliologue: Nouvelle animation de groupe autour de la Bible (2025)